Daten auf Vorrat

Last update on June 4, 2013.

2012 wurden in der Schweiz die Handystandortdaten in 75 Fällen zur Rasterfahndung verwendet. Dabei wird nicht abgefragt, wo sich eine bestimmte Person befunden hat, sondern umgekehrt, welche Mobilfunk­teilnehmer/innen zu einem spezifizierten Zeitpunkt über eine definierte Antenne (oder in einem Gebiet) ihr Handy benutzt haben. Durch eine solche Rasterung sind unter Umständen hunderte oder tausende Personen angehalten, ihre Unschuld zu belegen. In einem bekannt gewordenen Fall ging es um drei Überfälle auf Bijouterien. Für die Täterermittlung sollten die Mobilfunkanbieterinnen sämtliche TeilnehmerInnen, die während gesamthaft 15.5 Stunden in den betroffenen Gebieten/Funkzellen Gespräche geführt oder SMS gesendet hatten, zur Auswertung an die Staatsanwaltschaften gemeldet werden. Nun plant der Bundesrat, dass diese sogenannten Randdaten, aus E­Mail­, Chat­, Telefon­, SMS­ Kommunikation und sogar aus der Briefpost, anstatt 6 für 12 Monate aufgezeichnet werden müssen.

Kurzbericht Frühjahrstreffen der Digitalen Gesellschaft

Die Digitale Gesellschaft (DG) Schweiz ist ein lockerer Verbund von Internet-Aktivisten, der vor allem politische Arbeit leisten will. Andere vertretene Gruppen: Privacy Foundation, Grundrechte.ch, immerda, Chaos Computer Club ZH/CH, Piratenpartei und Jungparteien. Die DG hat vor einem Jahr beschlossen, eine Kampagne gegen die Vorratsdatenspeicherung zu lancieren. Als Teil dieser Strategie wurden Datenauskunftsanfragen an die grossen Provider gestellt (Verbindungsdaten von Natel- und Internet-Anschluss. IP-Adressen gehören gemäss Bundesgerichtsurteil zu den "persönlichen" Daten). Die Datenauskunftsanfragen wurden mehrheitlich mit unterschiedlichen Argumenten, aber auch ohne Argumente, abgewimmelt. In Sachen BÜPF hat die DG vor drei Wochen eine Pressemitteilung versandt. Nun wird sich die DG mit ungefähr denselben Argumenten an die Rechtskomission des Ständerats und an die Ständeräte wenden, die das Geschäft vermutlich in der Sommersession behandeln. Jeglicher direkter Zugang zu Politikern ist von Interesse.

Die allgemeine Meinung heute geht dahin, dass einzelne Bürger nichts zu verstecken hätten und es sei gut, Kriminellen das Leben schwer zu machen. Die Erinnerung an Missbrauch solcher Daten (Gestapo, Fichenaffäre, Stasi) ist am Verblassen. Solange keine konkreten, realistischen Schadenfälle unschuldiger Menschen aufgezeigt werden können, ist es schwierig, politisch zu mobilisieren. Die Mehrheit der Stimmbürger reagiert auf Einzelfälle. In der Pause am Frühjahrstreffen der digitalen Gesellschaft entstand die Idee eines Schreibwettbewerbs.

von Hartwig Thomas, Bürger der Stadt Zürich

Schreibwettbewerb Vorratsdatenspeicherung

Gesucht sind Kurzgeschichten, in der Szenarien fiktional beschrieben werden. Die besten Ideen werden durch eine Jury beurteilt, prämiert und als Buch publiziert.

Preissumme: 2500 CHF

Informationsveranstaltung: Freitag 24.Mai ab 20 Uhr, Dock18 Raum für Medienkulturen der Welt

Einsendeschluss: 30.11.2013

Umfang: 5-10 A4-Seiten (PDF, ODT, DOC oder DOCX, 10 Punkt Times, 1 Zoll Ränder)

Lizenz: Zustimmung zur Publikation unter CC-BY-SA ist Bedingung

Eingabe und Infos zum Wettbewerb: dock18.ch

Little Brother

Erster Tagesordnungspunkt waren die nervigen Schritterkennungs-Kameras. Wie gesagt: Ursprünglich waren da mal Gesichtserkennungs-Kameras, aber die waren ja für verfassungswidrig erklärt worden. Meines Wissens hat sich noch kein Gerichtshof mit der Frage befasst, ob die Gang-Cams tatsächlich legaler sind, und bis dahin hatten wir sie am Hacken. „Gang“ ist ein schickes Wort für die Art, wie man läuft. Menschen sind ziemlich gut drin, Gang zu erkennen: Wenn du nächstes Mal Camping machst, achte mal auf die Bewegungen des Taschenlampenlichts, wenn ein Freund von weit weg auf dich zukommt. Wahrscheinlich kannst du ihn bloß anhand der Lichtbewegung erkennen, anhand der typischen Art und Weise, wie das Licht rauf- und runterwackelt, was unseren Affenhirnen verklickert „da ist ein Mensch, der auf dich zukommt“. Schritterkennungs-Software fotografiert deine Bewegungen, versucht dich auf den Bildern als Silhouette zu isolieren und probiert dann, diese Silhouette mit einer Datenbank abzugleichen, um herauszufinden, wer du bist. Ein biometrisches Identifikationssystem also, wie Fingerabdrücke oder Iris-Scans, hat aber viel mehr „Kollisionen“ als die anderen beiden. Eine biometrische „Kollision“ bedeutet, dass eine Messung zu mehr als einer Person passt. Deinen Fingerabdruck hast du ganz allein, aber dein Gang ist ziemlich gleich wie der von etlichen anderen Leuten. Nur „ziemlich“, nicht exakt. Dein persönlicher Gang, auf den Zentimeter genau erfasst, ist deiner, ganz allein deiner. Dumm ist nur, dass du nie auf den Zentimeter genau gleich gehst, weil das davon abhängt, wie müde du bist, auf welcher Sorte Untergrund du gehst, ob du deinen Knöchel beim Basketball geprellt hast und ob du kürzlich erst neue Schuhe gekauft hast. Also nähert sich das System deinem Profil mit sowas wie Fuzzy Logic und guckt nach Leuten, die irgendwie so ähnlich gehen wie du. Aber es gibt ne Menge Leute, die irgendwie so ähnlich gehen wie du. Und außerdem ist es simpel, eben nicht irgendwie so ähnlich zu gehen wie du selbst – zieh bloß mal einen Schuh aus. Natürlich wirst du dann so laufen wie „du mit nur einem Schuh an“ eben immer läufst, und die Kameras werden früher oder später merken, dass dus trotzdem bist. Deshalb gehe ich meine Angriffe auf die Schritterkennung mit einer Zufallskomponente an: Ich kippe ne Handvoll Kiesel in jeden Schuh. Billig und wirksam, keine zwei Schritte sehen gleich aus. Und klasse Reflexzonenmassage gibts gratis dazu. (war nur Spaß. Reflexzonenmassage hat um und bei denselben wissenschaft-

lichen Wert wie Schritterkennung). Die Kameras waren anfangs so eingestellt, dass sie jedes Mal Alarm schlugen, wenn jemand den Campus betrat, den sie nicht kannten. Gaaanz schlechte Idee. Wir hatten alle zehn Minuten Alarm. Der Briefträger. Irgendein Elternteil. Die Handwerker, die das Basketballfeld reparierten. Sogar bei Schülern mit neuen Schuhen ging der Alarm los. Deshalb versucht das System jetzt bloß noch aufzuzeichnen, wer wann wo ist. Wenn also jemand während der Unterrichtszeit das Schulgelände verlässt, wird der Gang daraufhin abgeglichen, ob es einer der Schüler sein könnte. Und wenn ja, wup-wup-wup, geht die Sirene los. Chavez High ist von Kieswegen umgeben. Ich hab für alle Fälle immer ein paar Hände voll Steinchen in meiner Umhängetasche. Kommentarlos gab ich Darryl ein Dutzend von den kantigen Biestern rüber, und wir füllten beide unsere Schuhe.

Ausschnitt aus Little Brother von Cory Doctorow in der deutschen Übersetzung von Christian Wöhrl unter Creative Commons Lizenz (CC-BY-NC-SA). Kostenloser Download

Hintergründe

Hintergrundinformationen zum Thema Vorratsdatenspeicherung finden sich auf folgenden Seiten

Plattform für eine offene und freie digitale Gesellschaft Digitale-Gesellschaft.ch

Verein zum Schutz der Grundrechte mit Schwerpunkt Schutz vor Überwachung Grundrechte.ch

Verein zum Schutz der Privatsphäre Privacyfoundation.ch

Immerda.ch ist ein nichtkommerzielles Projekt von Aktivistinnen zu den Kernthemen Privatheit und Sicherheit Immerda.ch

Chaos Computer Club Zürich / Schweiz Chaos Computer Club

Piratenpartei Schweiz Piratenpartei

Digitale Allmend setzt sich für einen offenen Zugang zu digitalen Gütern ein. Digitale Allmend

Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF) Admin.ch

Digitales

Happy Mash-Up

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Beigesteuertes
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Schreibwettbewerb

Die allgemeine Meinung heute geht dahin, dass einzelne Bürger nichts zu verstecken hätten und es sei gut, Kriminellen das Leben schwer zu machen. Die Erinnerung an Missbrauch solcher Daten (Gestapo, Fichenaffäre, Stasi) ist am Verblassen. Solange keine konkreten, realistischen Schadenfälle unschuldiger Menschen aufgezeigt werden können, ist es schwierig, politisch zu mobilisieren. Die Mehrheit der Stimmbürger reagiert auf Einzelfälle. Wenn die Vorratsdatenhaltung wirklich so schlimm ist, müssen wir Szenarien aufzeigen können, wie diese Daten den Einzelnen massiv schädigen können, wenn sie in die Hände böser Menschen fallen. Etwa der Mafia oder der amerikanischen Terrorismusbekämpfungstruppe. So entstand in einer Pause am Frühjahrstreffen der digitalen Gesellschaft die Idee eines Schreibwettbewerbs. Gesucht sind Kurzgeschichten, in der ähnliche Szenarien fiktional beschrieben werden. Die schönsten Beiträge werden durch eine Jury gewählt, prämiert und als Buch publiziert.

Preissumme: 2047 CHF
Informationsveranstaltung: Freitag 31.5. ab 20 Uhr Dock18 Raum für Medienkulturen der Welt
Einsendeschluss: 30.11.2013
Umfang: 5-10 A4-Seiten (PDF, ODT, DOC oder DOCX, 10 Punkt Times, 1 Zoll Ränder)
Eingabe und Infos zum Wettbewerb: Upload auf  und/oder per E-Mail an 
Lizenz: Zustimmung zur Publikation unter CC-BY-SA  ist Bedingung

Hintergründe

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    Plattform für eine offene und freie digitale Gesellschaft
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    Verein zum Schutz der Grundrechte mit Schwerpunkt Schutz vor Überwachung
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    Verein zum Schutz der Privatsphäre
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    Immerda.ch ist ein nichtkommerzielles Projekt von Aktivistinnen zu den Kernthemen Privatheit und Sicherheit
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    Chaos Computer Club Zürich / Schweiz
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    Piratenpartei Schweiz
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    Digitale Allmend setzt sich für einen offenen Zugang zu digitalen Gütern ein.
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    Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF)

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