Im Dienst des freien Wissens

Last update on Nov. 1, 2013.

Wikipedia, die freie Online-Enzyklopädie, ist den meisten vertraut. Weniger bekannt sind die Anstrengungen, die von den nationalen Fördervereinen zur Unterstützung der Wikipedia unternommen werden, um künftig noch mehr Wissen frei zugänglich zu machen. Um mehr über das Zusammenspiel zwischen Wikipedia und den sogenannten «Glams» zu erfahren, haben wir uns mit Beat Estermann vom E-Government-Institut der Berner Fachhochschule unterhalten.

Daniel Boos: Was haben Wikipedia und Glams genau miteinander zu tun?


Beat Estermann: Das erklärte Ziel von Wikipedia und der Wikimedia-Community ist, sämtliches Wissen der Menschheit allen frei zugänglich zu machen. Nun sind
Bibliotheken, Archive und Museen Orte (Anm. d. Red.: Galleries, Libraries, Archives, Museums; abgekürzt GLAM – im folgenden bezeichnet als Glam), an denen sehr viel Wissen vorhanden ist – sei es in Form von historischen Objekten, Dokumenten, Rechercheberichten, die man für die Wikipedia erschliessen kann, aber auch in Form von informellem Wissen, über das die Kuratoren und Mitarbeitenden dieser Institutionen verfügen. Hinzu kommt, dass Glams in der Regel den offiziellen Auftrag haben, dieses Wissen möglichst breiten Kreisen zu vermitteln. Da Wikipedia für die meisten Leute eine der ersten Anlaufstellen bei der Informationssuche ist, liegt es nahe, dass sich Glams auch Gedanken machen, wie sie ihr Wissen am besten in die Online-Enzyklopädie einspeisen. David Ferriero, der US-amerikanische Bundesarchivar hat es vor einem
Jahr schön auf den Punkt gebracht: «The Archive is involved with Wikipedia, because that’s where the people are!» Mittlerweile ist auch das Schweizerische Bundesarchiv auf den Zug aufgesprungen und verfügt seit Anfang Juli über einen Wikipedian in Residence, der dafür sorgen soll, dass sich die Welt des Archivs und jene der Wikipedianer näher kommen. Das liegt zum einen daran, dass Menschen und Organisationen immer Zeit brauchen, um sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Oftmals haben wir es mit Strukturen zu tun, die noch aus einer Zeit vor dem Internet stammen und sich nur nach und nach anpassen
lassen. Bei Glam-Wiki-Kooperationen treffen sehr unterschiedliche Organisationskulturen aufeinander und die Beteiligten müssen zunächst einmal verstehen, wie die andere Seite überhaupt tickt. Anschliessend kann es zu einem für beide Seiten sehr befruchtenden Austausch kommen.

Das tönt nach einer Win-Win-Situation. Wieso braucht es dennoch spezielle Anstrengungen, um solche Kooperationen zu fördern?

Das liegt zum einen daran, dass Menschen und Organisationen immer Zeit brauchen, um sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Oftmals haben wir es mit
Strukturen zu tun, die noch aus einer Zeit vor dem Internet stammen und sich nur nach und nach anpassen lassen. Bei Glam-Wiki-Kooperationen treffen sehr unterschiedliche Organisationskulturen aufeinander und die Beteiligten müssen zunächst einmal verstehen, wie die andere Seite überhaupt tickt. Anschliessend kann es zu einem für beide Seiten sehr befruchtenden Austausch kommen.

Wo kommt es denn am ehesten zum Kulturschock?

Unsere Studie hat ergeben, dass viele Institutionen zögern, Inhalte unter eine «freie» Urheberrechtslizenz zu stellen oder nur schon gemeinfreie Werke, die sie in digitalisierter Form ins Internet stellen, als solche zu behandeln und nicht zusätzliche Einschränkungen bei der Nutzung zu erlassen. Das ist natürlich für Wikipedia und Organisationen, die sich für «freies» Wissen stark machen, ein Problem. Bei den Gedächtnisinstitutionen kommt hinzu, dass viele von ihnen zu einem grossen Teil durch die öffentliche Hand finanziert werden, und dass es daher eigentlich schwer verständlich ist, weshalb Bilder oder andere Inhalte nicht für die Nutzung freigegeben werden, so dass diese direkt in der Wikipedia verwendet werden können.

Weshalb denn diese Zögerlichkeit seitens der Glams?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. An erster Stelle steht der Zusatzaufwand, der mit der Bereitstellung von Inhalten verbunden ist. Diesem Zusatzaufwand muss
natürlich ein Nutzen gegenüber stehen, sonst passiert überhaupt nichts. Hier müssen die Anstrengungen der Wikimedia-Vereine und verwandter Organisationen ansetzen: Ein Zusatznutzen muss geschaffen und dokumentiert werden. In einigen Bereichen ist das relativ einfach; die Wikipedia hat monatlich 500 Millionen Nutzer, da leuchtet es ein, dass zusätzliche Bilder, die in Artikel eingebunden werden, auch einen zusätzlichen Nutzen stiften. In anderen Bereichen, wo es zu einem engen Austausch kommen muss, bevor ein echter Mehrwert entstehen kann, gestaltet sich eine Kooperation nicht immer einfach. Es ist auch nicht gesagt, dass sich für ein bestimmtes Thema unter den bestehenden Community-Mitgliedern auch gleich eine genügende Anzahl Freiwillige findet. Deshalb sollte man immer mitbedenken, wie man neue Freiwillige anwerben kann. Daneben hat die Zurückhaltung der Glams auch mit Ängsten vor Kontrollverlust zu tun: Man möchte nicht, dass Inhalte verändert werden, ohne dass man ein Vetorecht hat. Man fürchtet, dass jemand die Inhalte kommerziell nutzt und einen Gewinn einstreicht, von dem man selber nichts abbekommt. Bisweilen möchten die Institutionen auch nachgewiesen bekommen, wie oft ein Werk kommerziell genutzt wird, was bei einer «freien» Lizenzierung aktuell noch eher schwierig ist. Im schlechtesten Fall gibt man sich damit zufrieden, die Nicht-Nutzung von proprietären Inhalten zu dokumentieren, weil man die Nutzung «freier» Inhalte nicht dokumentieren kann. Die Problematik der «verwaisten Werke», bei denen der rechtliche Status unklar ist, führt zudem dazu, dass viele Institutionen auf Material sitzen, das sie nicht freigeben, weil die rechtlichen Abklärungen unmöglich oder zu aufwändig wären.

Hast du denn das Gefühl, dass sich in diesen Bereichen etwas bewegt?

Unsere Studie hat ergeben, dass die Schweizer Gedächtnisinstitutionen dem Open-Data-Prinzip offen gegenüberstehen und die Chancen höher gewichten als die Risiken. Ich kann mir daher schon vorstellen, dass wir bei der Bereitstellung von Daten und Inhalten unter freien Lizenzen rasche Fortschritte erzielen werden. Exemplarisch dafür steht, dass mit dem Bundesarchiv eine Gedächtnisinstitution die Federführung bei der Lancierung des Schweizer Open Government Data Portals übernommen hat und sich auch die Nationalbibliothek daran beteiligt.

Der Bereich des Crowdsourcing, wo es zu einer kollaborativen Erstellung von Inhalten durch Online-Communities kommt, dürfte sich etwas langsamer entwickeln. Das hängt damit zusammen, dass sich die Institutionen und die Communities aufeinander einlassen müssen. Das braucht Zeit. Erfreulich ist jedoch, dass die Zahl der Pilotprojekte in den letzten beiden Jahren stark zugenommen hat. Nun wird die Herausforderung darin bestehen, daraus möglichst rasch viel zu lernen und die Erfahrungen weiterzugeben.

Auch die Rote Fabrik ist eine kulturelle Institution. Welche Informationen könnte eine Einrichtung wie sie der Wikipedia zur Verfügung stellen? Welche Rolle könnte eine Rote Fabrik spielen?

Die einfachste Möglichkeit besteht darin, Textinhalte sowie Bild- und Multimedia-Material, über deren Verwertungsrechte die Rote Fabrik verfügt, unter einer
«freien» Urheberrechtslizenz zu veröffentlichen. Über weitere Möglichkeiten können wir uns bei Gelegenheit gerne unterhalten. Es ist wichtig, die Ideen und Interessen der Institution und ihrer Zielgruppen in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Daniel Boos.

Links:

Schweizer Glams mit Wikimedia Kooperationen:

Next entry

Previous entry

Similar entries

Comments

  1. Delia

    Delia on 07/22/2014 1:44 a.m. #

    Asking questions are in fact fastidious thing if you are not understanding anything totally, however this piece of writing gives fastidious understanding yet.

  2. family travel blog europe

    family travel blog europe on 08/10/2014 11:31 p.m. #

    If you are planning holidays to the Maldives especially to feel the magnificence of
    soothing atmosphere, The W Retreat & Spa needs to be your choice.

    Finally Didi called for the couple's marriage to be
    subject to islamic law. Maldives Traveller is a tourism company that specializes in Maldives travel and suggests clients on.

  3. vietnam visa not in Passport

    vietnam visa not in Passport on 08/12/2014 7:31 p.m. #

    The package includes buffet breakfasts, free in room Internet, cocktails
    from 5. JORGE CARREON: I saw your book in the window of Borders in Pico Rivera and it caught my
    attention because Echo Park is quickly evolving into L.

    To get a enterprise visa, you usually will need a letter from
    a enterprise sponsor in Vietnam.

Pingbacks

Pingbacks are open.

Trackbacks

  1. fifa 15 on 07/21/2014 4:05 a.m. #

    Medienkulturgespräche

  2. FIFA easports on 07/22/2014 4:06 a.m. #

    Medienkulturgespräche

  3. fut coins on 09/19/2014 7:36 a.m. #

    Medienkulturgespräche

  4. fifa 15 coins on 09/19/2014 7:36 a.m. #

    Medienkulturgespräche

Trackback URL

Post your comment

$